„Menschen arbeiten miteinander und nicht soziale Medien“

Für viele Unternehmen und Organisationen sind Social Media nicht nur fester Bestandteil in der externen Kommunikation. Auch in der internen Zusammenarbeit haben sie mittlerweile ihren festen Platz.

Dirk Dobiéy ist Vice President Knowledge and Enablement Solutions beim Softwarekonzern SAP. Im Interview erklärt er, wie Unternehmen am meisten von sozialen Medien profitieren können und warum der Mensch dabei entscheidender ist als die richtige Technologie.

In welcher Form werden soziale Medien aktuell für die Zusammenarbeit in Unternehmen eingesetzt?

Dirk Dobiéy: Organisationen egal welcher Größe und Branche setzen soziale Medien ganz unterschiedlich ein. Gemeinschaftliche Erstellung von Inhalten, Diskussionen, Aus- und Weiterbildung, Fragen stellen und beantworten, Experten finden, Mitarbeiter vernetzen, Kooperationen und Co-Innovation, Entscheidungsunterstützung.

Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl von Einsatzgebieten im Bereich der Geschäftsprozesse, beispielsweise Kundengewinnung, Kundenbindung oder Helpdesk.

Mittlerweile ist es aber vielen klar geworden: Soziale Medien sind Mittel zum Zweck. Sie beschleunigen Kommunikationsflüsse, erweitern den Teilnehmerradius zur Entscheidungsfindung, können den Austausch fördern, und vieles mehr.

Aber sie ersetzen nicht und sind nicht die Zusammenarbeit. „Das Medium ist die Nachricht“ hat Marshall Mc Luhan vor vielen Jahren formuliert und damit das Augenmerk vom Inhalt weg auf den Kanal der Vermittlung gerichtet.

Fast scheint es, als ob diese durchaus relevante Sichtweise und Erkenntnis uns bis heute bisweilen den Blick verstellt, wenn es darum geht, mit Hilfe von Technologien nicht nur Informationen oder Inhalte bereit zu stellen, sondern Menschen dazu zu befähigen, gemeinsam erfolgreich zu sein.

Oder andersherum formuliert: Menschen arbeiten miteinander, soziale Wesen also und nicht soziale Medien.

Wie müssen Unternehmen dann Social Media einsetzen, damit sie davon wirklich profitieren?

Dobiéy: Es ist paradox, aber damit Social Media funktioniert muss der Blick weg von der Technologie auf die meist unsichtbaren Aspekte gemeinschaftlicher Zusammenarbeit gerichtet werden.

Kollaboration ist meistens unsichtbar schreibt der Kreativitätsforscher Keith Sawyer in seinem Buch Group Genius und doch sind es diese unsichtbaren und undokumentierten Formen der Zusammenarbeit die den Unterschied ausmachen meint er.  Ich stimme da mit ihm überein.

Sawyer hat er sich aufgemacht die „Black Box“ zu analysieren und einige Erfolgsfaktoren beschrieben, so zum Beispiel:

  • Kollaboration braucht Zeit
  • Meister der Zusammenarbeit sind Meister im Zuhören
  • Man baut auf den Ideen der anderen auf
  • Viel später erst wird die Bedeutung vieler Ideen klar
  • Überraschende Fragen die auftauchen sind die Regel
  • Innovation ist ineffizient
  • Innovation entsteht von unten nach oben
  • Konversationen führen zu „flow“ und  flow führt zu Kreativität

Zusammenfassend bemerkt er, dass erfolgreiche Kollaboration oder Gruppen-Flow, wie er es in Referenz auf Mihaly Csikszentmihalyi’s Meilenstein der Kreativitätsforschung nennt, dann möglich ist, wenn viele Spannungsfelder in einer perfekten Balance sind: Die Spannung zwischen Konvention und Neuerung, die Spannung zwischen Struktur und Improvisation, zwischen analytischem Denken und  lockerem Grenzübertritt und zwischen Hören auf die Gruppe und innerer Stimme.

Wie wird die Wissensarbeit der Zukunft funktionieren?

Dobiéy: Keine Ahnung! (lacht) Aber es lohnt sich gemeinsam darüber nachzudenken. Das ist es was ich mit meinem Vortrag auf der diesjährigen Knowtech erreichen möchte.

Persönlich bin ich davon überzeugt, dass die Reise vom  „Me“ zum „We“ vielleicht über digitale Autobahnen gelenkt, aber auf analogen, neuronalen, emotionalen Wegen beschritten wird.

Ein solcher Weg ist eine Erkenntnis aus der Soziologie: Spaß bei der Arbeit zu haben führt dazu, dass Menschen glauben ihre Gruppe sei effektiver als sie das tatsächlich ist.

Ein Schelm wer nun schlussfolgert, dass die Empfehlung lauten sollte, keinen Spaß bei der Arbeit zu haben sei besser.

dobiéyDirk Dobiéy ist als Vice President Knowledge and Enablement Solutions für SAP tätig und Geschäftsführer der Age of Artists GmbH. Auf der KnowTech 2015 spricht er zum Thema „Soziale Medien im Überfluss und doch keine Zusammenarbeit„.

Ein Gedanke zu “„Menschen arbeiten miteinander und nicht soziale Medien“

  1. Es ist schon wahr, dass Menschen miteinander arbeiten und nicht Tools – wobei es selbst dabei schon erste Ausnahmen gibt, wie etwa im Börsenhandel. Trotzdem arbeitet man (meistens) nicht mehr archaisch im kleinen Verbund lokal zusammen, sondern als global integriertes Unternehmen und nutzt dazu diverse Kommunikationswerkzeuge. Das ermöglicht, dass man sich durch Kommunikation mit Kollegen und Kolleginnen zumindest ein Stück des jeweils benötigten Wissens fast jederzeit dazu holen kann.
    Spannend wird es allerdings, wenn die Helfer nicht verfügbar sind, es aber trotzdem eilt. Das ist eines der Szenarien, wo es helfen kann, wenn Informationen auch anders erreichbar sind. Und hier kommen die Tools definitiv ins Spiel.

    Telefon und Chat sind Echtzeit-Tools und die mit ihnen geteilten Informationen sind sehr flüchtig. Briefe und E-Mails erreichen typisch nur wenige, explizit adressierte Personen und sind damit keine Informationsquelle für andere.
    Das ist die Lücke im Spektrum der Kommunikationsmöglichkeiten, die intern genutzten Sozialen Medien jetzt füllen.

    Aus meiner Sicht sind sie ein neues Kommunikationsmedium mit dem charmanten Feature, dass auch längerfristig nichts verloren gehen kann. So kann auch ein bisschen von dem Wissen eines Mitarbeiters, der das Unternehmen längst verlassen hat, weiter zur Verfügung stehen – zum Wohle des Unternehmens.

    Ich habe schon in den 1990ern wenig davon gehalten, wenn damals Berater auftraten und sagten, dass Wissensmanagement zu 80% durch softe Faktoren bestimmt wäre und nur 20% das Tool ausmachen würde. Man schalte doch die „unbedeuten“ Tools alle mal ab (Telefon, E-Mail, usw.) Was geht dann noch? Heute nichts mehr – oder?

    Die wahre Frage ist also nicht ob das Verhältnis nun 80 zu 20 ist oder umgekehrt, sondern wie man diese Tools möglichst effektiv und kostengünstig nutzen kann. Mit Telefon und E-Mail können wir alle umgehen, aber für Soziale Medien als Kommunikations-Tool ist das Thema noch nicht durch. Genauso übrigens, wie die Frage, ob die Hersteller diese Tools nicht auch noch besser machen können. Aber das gilt selbst auch für das Telefon (z. B. Sprachverständlichkeit) und die E-Mail.

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